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Das Schweigen brechen: Vier Leben, die sich durch den Zugang zur Hörversorgung verändert haben

11 November 2025
Für die meisten von uns sind Geräusche – Lachen, Musik, die Stimmen von geliebten Menschen – mühelos wahrnehmbar. Doch für Millionen von Menschen auf der ganzen Welt ist die Stille zu einem unerwünschten Begleiter geworden. 

Vor 29 Jahren änderte sich das Leben von Ekaterine Tortladze, als bei ihrem Kind ein Hörverlust diagnostiziert wurde. Auf der Suche nach Antworten fand sie sich in einem Labyrinth der Ungewissheit wieder, ohne klare Informationen, ohne emotionale Unterstützung und mit wenig Ressourcen.

„Was fehlte, war ein Ort, an den sich Patienten und ihre Familien wenden konnten, um nicht nur medizinische Antworten, sondern auch Mitgefühl zu erhalten“, erinnert sie sich.

Entschlossen, diese Lücke zu schließen, gründete sie Aures, eine Organisation für junge Menschen mit Hörverlust und deren Eltern. Seit fast drei Jahrzehnten arbeitet Aures nun daran, das Leistungsangebot menschlicher und ganzheitlicher zu gestalten und auf die Bedürfnisse von Einzelpersonen und Familien zuzuschneiden.

Ekaterine hat erlebt, wie Hörverlust Menschen isoliert. „Sie hören auf, Kontakte zu knüpfen und Fragen zu stellen, sie ziehen sich allmählich aus dem Leben zurück“, sagt sie. „Aber wenn ein Mensch dank eines Geräts wieder hört, dann sollte sich doch die ganze Welt freuen.“

„Es ist wie ein Wunder“

Bei Nana Gvarliani begann die Taubheit im Jugendalter und verschlimmerte sich nach der Geburt ihres dritten Kindes. „Es war keine friedliche Stille, sondern eine dröhnende, summende Leere, die meine Energie aufzehrte“, erinnert sie sich. „Ich war erschöpft und am Boden zerstört von den ständigen Kopfschmerzen.“

Nachdem sie mehr als zehn Jahre lang keine Antwort erhalten hatte, hörte Nana, dass ihr vielleicht ein Cochlea-Implantat helfen könnte. „Ich hatte große Angst vor der Operation, aber habe dann den Schritt gewagt. Als ich endlich wieder hören konnte, war das wie eine Wiedergeburt. Meine Freude am Leben ist zurückgekehrt.“

Nana fährt nun regelmäßig aus ihrem Bergdorf in Mestia zur Rehabilitation. „Jeder Schritt ist es wert“, sagt sie. „Ich kann wieder mit meinen Kindern sprechen. Es ist wie ein Wunder.“

„Das Hören hat mir mein Leben zurückgegeben“

Vor zehn Jahren verlor der Handwerker Elguja Zakareishvili über Nacht sein Gehör. „Ich konnte die Stille nicht ertragen“, erzählt er. „Ich fühlte mich wie ein halber Mensch.“ Jahrelang verließ er sich bei der Kommunikation mit Kunden auf seinen jüngeren Bruder und auf schriftliche Nachrichten.

Alles änderte sich, als er erfuhr, dass es in Georgien Cochlea-Implantate gibt, deren Kosten vom Staat übernommen werden. „Zuerst habe ich nur Lärm gehört“, erinnert er sich. „Dann Stimmen, dann Gespräche. Als ich wieder Musik hörte, wollte ich vor Freude laut schreien.“

„Das Hören hat mir mein Leben zurückgegeben. Ich möchte, dass andere das wissen, damit sie auch davon profitieren können.“

„Ich mag die Schule so sehr“

Die sechsjährige Lizzie wurde in diesem Jahr eingeschult – was ihre Familie zuvor kaum für möglich gehalten hätte. Sie wurde hochgradig taub geboren und sprach ihre ersten Worte, nachdem sie im Alter von zweieinhalb Jahren ein Cochlea-Implantat erhalten hatte. „Ich mag die Schule so sehr, dass ich Lehrerin werden möchte“, sagt sie stolz.

Ihre Mutter Sophie hat die Anzeichen früh erkannt und schnell gehandelt. „Ich habe sie nie anders behandelt“, erzählt sie. „Ich habe mit ihr geredet und gespielt und daran geglaubt, dass sie mit der richtigen Hilfe gedeihen könnte.“

In der Schule half Lizzies Lehrerin den Mitschülern zu verstehen, wie Lizzie mit ihrem Gerät hört, und schuf so ein Umfeld des Verständnisses und der Integration. „Kinder sind von Natur aus aufgeschlossen, wenn man ihnen etwas erklärt“, sagt Sophie.

Früherkennung, Schulung und Sensibilisierung

Die Geschichten von Ekaterine, Nana, Elguja und Lizzie stehen stellvertretend für die Fortschritte und Herausforderungen bei der Ohr- und Hörversorgung in Georgien und anderswo.

Weltweit leiden mehr als 1,5 Milliarden Menschen zu einem gewissen Grad an Hörverlust, doch weniger als 20 % von ihnen erhalten die benötigte Versorgung. Unbehandelter Hörverlust kostet jedes Jahr fast 1 Billion US-$ an Gesundheits-, Bildungs- und Produktivitätsverlusten. Dabei lassen sich bis zu 60 % der Hörverluste bei Kindern durch einfache Gesundheitsmaßnahmen wie frühzeitige Vorsorgeuntersuchungen und die Behandlung von Ohrinfektionen verhindern.

In Georgien nehmen die Fortschritte an Fahrt auf. Mit Unterstützung der WHO und von ATscale, der Globalen Partnerschaft für assistive Technologien, weitet das Land den Zugang zu Hörgeräten, Cochlea-Implantaten und Rehabilitationsangeboten aus – wichtige Schritte auf dem Weg zu einer lebenslangen Hörversorgung. Die WHO arbeitet weiterhin zusammen mit ihren nationalen Partnern daran, die Früherkennung, die Ausbildung des Gesundheitspersonals und die allgemeine Sensibilisierung zu stärken, damit niemand zurückgelassen wird.

Wenn Sie oder ein Ihnen nahestehender Mensch Hörprobleme haben, sollten Sie so bald wie möglich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen – ein frühzeitiges Eingreifen kann das Leben verändern. Unter den nachstehenden Links erfahren Sie mehr über die Prävention von Hörverlust.