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Wie viel Schaden muss man erleiden, bevor man seinen Alkoholkonsum überdenkt? Geschichten aus der Europäischen Region

12 December 2025
Für Alexandre Béhier aus Belgien war der Verzicht auf Alkohol nicht nur eine gesundheitliche Entscheidung, sondern auch eine grundlegende Veränderung in seinem Leben. Früher trank er drei bis fünf Flaschen am Tag, heute beschreibt er sein alkoholfreies Leben als schön und erfüllt von neuem Sinn.

In ganz Europa werden Geschichten wie die von Alexandre immer häufiger publik: überzeugende Beispiele von Menschen, die seit Langem bestehende gesellschaftliche Normen in Bezug auf Alkoholkonsum in Frage stellen und in einem Leben ohne Alkohol ein Gefühl von Freiheit, Kontrolle und Klarheit finden.

Da Europa von allen Regionen der WHO nach wie vor den höchsten Alkoholkonsum aufweist, bieten diese Geschichten einen wichtigen Einblick in die Herausforderungen und Möglichkeiten in Verbindung mit Alkoholverzicht in einem Umfeld, in dem Alkoholkonsum oft begünstigt oder sogar erwartet wird.

Aufwachsen in einer Umgebung, in der das Trinken „allgegenwärtig“ ist

Alexandre begann mit 15 Jahren zu trinken. In seiner Heimat Belgien war Alkohol, wie er es ausdrückt, „allgegenwärtig und fester Bestandteil des täglichen Lebens“. Er erinnert sich, dass er ständig von Freunden umgeben war, die Alkohol tranken und rauchten, und dass starkes Trinken nicht nur akzeptiert, sondern sogar begrüßt wurde.

„Meiner Erfahrung nach sind die Belgier stolz auf das Trinken, es ist eine Quelle des Stolzes“, sagt er. Selbst als sein Konsum außer Kontrolle geriet, machte es das kulturelle Umfeld schwer, die Gefahr zu erkennen. „Ich hatte keine Warnzeichen, auch dann nicht, als ich täglich Alkohol brauchte.“ 

Von einer ähnlichen Erfahrung berichtet ein junger Slowake. Der 36-jährige Reiseblogger Radoslav Hoppej, der seit 13 Jahren auf Alkohol verzichtet, erinnert sich daran, wie normal sich das Trinken während seiner Studienzeit anfühlte, vor allem als er in einem Nachtclub arbeitete. 

„Eine Zeit lang habe ich Alkohol als normalen Teil meines Lebens betrachtet, und ich war wahrscheinlich nicht weit davon entfernt, süchtig zu werden.“

Auch in seinem Land ist das Trinken mit einer gesellschaftlichen Erwartung verbunden: „In unserem Land gelten diejenigen, die keinen Alkohol trinken, immer noch als seltsam.“ 

Obwohl sie in verschiedenen Ländern leben, spiegeln ihre Überlegungen eine weit verbreitete Wahrheit in vielen Ländern Europas wider: Das soziale Gewicht des Alkoholkonsums – und das allgegenwärtige Stigma bei Ablehnung eines alkoholischen Getränks – ist nach wie vor stark.

Ein Wendepunkt: Wenn die alkoholbedingten Schäden sich nicht mehr leugnen lassen

„Mit 37 Jahren fing ich an, morgens Blut zu erbrechen“, erzählt Alexandre – ein beängstigendes Symptom, das ihn ins Krankenhaus brachte. Die Ärzte sagten ihm, er habe eine Leberzirrhose im Frühstadium und müsse auf Alkohol verzichten, wenn er weiterleben wolle. 

Eine alkoholbedingte Leberzirrhose gilt für viele als ein im späteren Leben eintretendes Ergebnis von Alkoholkonsumstörungen, kann aber auch bei jüngeren Menschen auftreten, die öfter stark trinken (Rauschtrinken). Dies kann schließlich zu Leberkrebs führen, einer der sieben Krebsarten, die nachweislich von Alkohol verursacht werden. 

In den folgenden Jahren unterzog sich Alexandre Operationen zur Entfernung von Dick- und Enddarm und kämpfte gegen zwei Krebsarten, die vermutlich durch seinen starken Alkoholkonsum bedingt waren.

„Zunächst schien der Gedanke, aufzuhören, unvorstellbar“, erzählt er. Doch nur wenige Wochen nach dem Aufhören fühlte er sich, als würde er zum ersten Mal wirklich leben. Außerdem erlebte er, wie befreiend es war, keine Angstzustände und Panikattacken mehr zu haben.

Seitdem hat Alexandre aus seinen Erfahrungen eine sinnvolle Aufgabe gemacht. Seitdem er an der Freien Universität Brüssel ein Zertifikat für Fragen des Alkoholkonsums erworben hat, arbeitet er als Berater, der andere Menschen bei ihren Alkoholproblemen unterstützt. 

Entscheidung für Nüchternheit und Entdeckung der Freiheit

Für Radoslav verlief der Verzicht auf Alkohol glatter als erwartet: „Als ich mit dem Trinken aufhörte, fühlte es sich plötzlich ganz natürlich an“, erzählt er.

Er begann schnell, die Vorteile zu spüren: „Zu erleben, wie sich meine körperliche und geistige Gesundheit verbessert, war ungeheuer motivierend. Ich fühlte mich stärker, voller Energie und ausgeglichener. Ich gewann die Kontrolle über mein Leben zurück und konnte mich auf meine Ziele und Ambitionen konzentrieren.“

Doch die Nüchternheit brachte auch einige zwischenmenschliche Herausforderungen mit sich. 

„Die Reaktionen der Leute waren unterschiedlich. Einige meiner Freunde und Familienmitglieder haben mich sehr unterstützt und mich in meiner Entscheidung bestärkt. Andere haben sie nicht ernst genommen. Einige Bekannte wollten mich sogar dazu verleiten, wieder zu trinken“, erinnert er sich. 

Seinen Freunden und den Lesern seines Reiseblogs versucht er zu vermitteln, dass es bei der Alkoholfreiheit nicht um Einschränkung, sondern um Identität und Selbstbestimmung geht.

„Viele mögen Alkohol für die gesellschaftliche Norm halten, aber ich habe entdeckt, dass die größte Freiheit darin besteht, man selbst zu sein, ohne künstliche Stimulierung“, meint Radoslav. Deshalb möchte er etwas an der Trinkkultur und der Normalisierung des Alkoholkonsums ändern.

„Mit meinem Leben ohne Alkohol kommt die Verantwortung – für meine Entscheidungen und für das Beispiel, das ich anderen gebe. Ich versuche, die Menschen dazu motivieren, zu erkennen, dass man sich auch ohne ein Glas in der Hand unterhalten oder entspannen kann.“ 

Zusammen zeigen Alexandre und Radoslav eine zunehmende Trendwende auf: Immer mehr Menschen hinterfragen nicht nur ihren eigenen Alkoholkonsum, sondern auch die gesellschaftlichen Erwartungen, die damit verbunden sind. 

Unterstützung und weitere Informationen finden

Wenn Sie oder jemand, den Sie kennen, unter den Folgen von Alkoholkonsum leiden, ist es wichtig, sich Hilfe zu suchen. Unterstützung und Beratung finden Sie bei Ihrem Arzt.

Alexandre and Radoslav haben uns ihre Geschichten für die Kampagne „Redefine alcohol“ [Neudefinition von Alkohol] erzählt. Diese Kampagne ist Teil des von der WHO und der Europäischen Union gemeinsam durchgeführten Projekts „Evidence into Action Alcohol Project“ [Von Erkenntnissen zu Taten beim Alkoholkonsum] (EVID-ACTION), das von 2022 bis 2026 läuft und darauf abzielt, in 30 Ländern (den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie Island, Norwegen und der Ukraine) das Bewusstsein für die durch Alkoholkonsum verursachten Schäden zu schärfen.