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Schritt für Schritt: Koordinierte Evakuierungen sind die Rettungsleine für Kranke und Verletzte in der Ukraine

28 April 2026
Vom ersten Notruf bis zu dem Moment, in dem ein Patient mit komplexen Verletzungen im Ausland behandelt wird, herrscht ein Zusammenspiel von Dutzenden von Fachleuten und Prozessen, um das Entscheidende zu erreichen: eine Chance für den Patienten auf rechtzeitige Behandlung und Genesung.

MEDEVAC ist ein komplexes, vielschichtiges System für medizinische Evakuierungen, das als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine entwickelt wurde. 

Bei der medizinischen Evakuierung geht es nicht nur um den Transport. Es geht auch darum, durch ein System, das über mehrere Ebenen hinweg reibungslos funktioniert, Menschenleben zu erhalten. Jeder Schritt in diesem Prozess und jeder Einzelne spielt eine entscheidende Rolle. Koordination und Vertrauen sind dabei unerlässlich.

Ein entscheidender Mechanismus

Der erste Schritt des MEDEVAC-Prozesses ist die Übermittlung von Anfragen über das Zentrum für die Koordination von Notfallmaßnahmen (ERCC). Dort arbeitet ein Team von 32 Fachleuten des ukrainischen Gesundheitsministeriums an der Erstellung von Listen von Personen, die eine Behandlung oder Rehabilitation benötigen, die in der Ukraine aufgrund des Krieges nicht möglich ist. Anschließend bestimmen Partnerländer aus der Europäischen Union und dem Europäischen Wirtschaftsraum ihre aktuellen Kapazitäten zur Aufnahme von Patienten sowie die Arten von Behandlung, die sie anbieten können.  

Wenn ein Patient stabil genug ist, um aus dem Krankenhaus in der Ukraine, in dem er behandelt wird, verlegt zu werden, bemühen sich die regionalen medizinischen Notfalldienste (unter der Aufsicht des Gesundheitsministeriums) um seine Evakuierung zum MEDEVAC-Knotenpunkt in Lwiw. Von dort aus werden die Patienten mit einem Krankenbus aus der Ukraine in Krankenhäuser im Ausland transportiert, in denen sie im Rahmen vorübergehender Schutzmechanismen behandelt werden können. 

Seit Anfang 2026 werden ukrainische Patienten durch MEDEVAC evakuiert und einer kostenlosen Behandlung in Gesundheitseinrichtungen in insgesamt 33 Ländern zugeführt.

Während des gesamten Prozesses leistet die WHO fachliche Hilfe, und die Europäische Union stellt finanzielle und operative Unterstützung bereit.

Teil eines nahtlosen Systems

„Unser Krankenhaus nimmt Patienten aus den Regionen entlang der Frontlinie und den umliegenden Regionen auf, die an komplexen Erkrankungen leiden und eine langfristige Rehabilitation oder fachärztliche Versorgung benötigen“, erklärt Oleksandr Tolubaiev,  Ärztlicher Leiter des Krankenhauses I.I. Mechnikov. 

„Wir spielen die entscheidende Rolle bei der Identifizierung dieser Patienten und der Erstellung von Listen für die medizinische Evakuierung. Eine weitreichende Abstimmung und enge Zusammenarbeit zwischen Gesundheitseinrichtungen und anderen Partnern ist wichtig, damit die Patienten rechtzeitig und effektiv die benötigte Versorgung erhalten.“

Am anderen Ende des Landes arbeitet die  Notfallmedizinerin Yuliia Koshtovska im medizinischen Evakuierungsteam des Regionalen Rettungsdienstes in Lwiw.

„Ich bin seit meinem ersten Arbeitsmonat hier an medizinischen Evakuierungen beteiligt. Im Durchschnitt nehme ich einmal im Monat an einer Evakuierung teil. Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir der allererste Fall, bei dem es um Patienten mit schweren Brandverletzungen ging. Unsere Patienten geben uns Kraft und Motivation. Zu sehen, was sie durchgemacht haben und in welchem Zustand sie sind, und wie sie trotzdem den Glauben behalten, stark bleiben und weiterkämpfen, ist unglaublich beeindruckend“, sagt Yuliia.

Koordination, Resilienz und Verantwortungsbewusstsein

Als Stellvertretende Leiterin  des Regionalen Rettungsdienstes in Lwiw ist Yarema Kachmar verantwortlich für die großen Teams von Notfallpersonal und Koordinatoren, die aktiv an den letzten Etappen der MEDEVAC auf der ukrainischen Seite beteiligt sind. Er beschreibt die Herausforderungen bei der Arbeit mit Patienten mit komplexen medizinischen Bedürfnissen.

„Lange Transportzeiten, oft viele Stunden, erhöhen das Risiko von Komplikationen und erfordern eine Stabilisierung der Patienten über große Entfernungen, und manchmal eine Intensivversorgung. Die Patienten sind oft instabil und müssen unterwegs ständig überwacht und medizinisch betreut werden. Doch die Möglichkeiten der Diagnostik und der Intensivversorgung während des Transports sind im Vergleich zum Krankenhaus begrenzt. Gleichzeitig müssen die Teams kritisch kranke Patienten betreuen und für Beatmung, Infusionen und Schmerzbehandlung sorgen, ohne Zugang zur stationären Versorgung zu haben. Bei der medizinischen Evakuierung über Landesgrenzen hinweg verbinden sich Aufgaben von Medizin, Logistik und Krisenmanagement, sodass von den medizinischen Notfallteams nicht nur klinisches Fachwissen verlangt wird, sondern auch ein hohes Maß an Koordination, Belastbarkeit und Verantwortungsbewusstsein“, erklärt Yarema.

Teamarbeit ist nach wie vor eine wesentliche Quelle der Stärke, die auf gegenseitigem Vertrauen, starker gegenseitiger Unterstützung und klarer Koordinierung zwischen den Disponenten, den Teams der Regionalen Rettungsdienste  und den Gesundheitseinrichtungen beruht. Ebenso wichtig ist die Kommunikation mit den Patienten und ihren Familien, stellt Yarema fest. 

„Die medizinische Evakuierung ist ein integraler Bestandteil des Kontinuums der Versorgung. Die Erkenntnis, dass wir ein entscheidendes Bindeglied zwischen Rettung und Genesung sind, treibt uns an. Selbst eine Nachricht, die eine erfolgreiche Behandlung nach der Evakuierung bestätigt, kann unsere inneren Ressourcen wiederherstellen und uns daran erinnern, warum diese Arbeit so wichtig ist“, fügt Yarema hinzu.