Kopenhagen, 14. Oktober 2025
Alkohol verursacht Krebs, schadet der Wirtschaft und fordert von der Gesellschaft in der gesamten Europäischen Region der WHO einen hohen Tribut. Am heutigen Tag richten WHO/Europa und das Internationale Krebsforschungszentrum (IARC) eine einfache Botschaft an alle Regierungen: „Eine konsequente Alkoholpolitik ist eine der klügsten Investitionen, die Sie tätigen können.“ Diese Handlungskonzepte retten Leben, sparen Geld, zeigen schnell Wirkung und werden nun durch eine der weltweit strengsten Bestandsaufnahmen der wissenschaftlichen Erkenntnisse gestützt.
Mit Band 20 der IARC-Handbücher zur Krebsprävention hat das IARC zum ersten Mal die Prävention von alkoholbedingten Krebserkrankungen bewertet. In Band 20A werden die Auswirkungen einer Verringerung des Alkoholkonsums bzw. eines vollständigen Verzichts auf Alkohol im Hinblick auf das Krebsrisiko bewertet, und Band 20B befasst sich mit alkoholpolitischen Maßnahmen zur Eindämmung des Konsums.
Die IARC-Handbücher werden von einer unabhängigen Arbeitsgruppe internationaler Experten in einem strengen und transparenten Verfahren ohne Interessenkonflikte ausgearbeitet und enthalten umfassende Überprüfungen und Konsensbewertungen von Maßnahmen zur Krebsprävention. Regierungen auf der ganzen Welt können sie nutzen, um Empfehlungen und Konzepte zu entwickeln.
Die Ergebnisse von Band 20 lassen keinen Zweifel: Alkoholbesteuerung, eingeschränkte Verfügbarkeit und strenge Vermarktungsverbote verringern den Alkoholkonsum auf Bevölkerungsebene und damit auch die Krebsbelastung.
Was auf dem Spiel steht
Die Europäische Union (EU) ist die Subregion mit dem höchsten Alkoholkonsum weltweit, in der Krebs inzwischen auch die häufigste Todesursache ist. Im Jahr 2020 waren 111 300 neue Krebsfälle in der EU auf Alkohol zurückzuführen, darunter Darmkrebs (36 900), Brustkrebs (24 200) und Mundhöhlenkrebs (12 400). Fast 70 % der Fälle betrafen Männer.
Im Jahr 2018 beliefen sich allein die Kosten für vorzeitige Todesfälle durch alkoholbedingte Krebserkrankungen EU-weit auf 4,58 Mrd. €. Dies ist jedoch nur ein Bruchteil des Tributs, den der Alkohol im Allgemeinen fordert: Krankenhausaufenthalte, Verletzungen, Gewalt und Produktivitätsverluste kosten die Gesellschaft weitere zweistellige Milliardenbeträge.
„Die Europäische Region der WHO und insbesondere die Länder der EU zahlen einen zu hohen Preis für Alkohol in Form von vermeidbaren Krebserkrankungen und zerrütteten Familien, der den Steuerzahler Milliarden kostet“, erklärte Dr. Gundo Weiler, Direktor für Prävention und Gesundheitsförderung bei WHO/Europa.
„Im Jahr 2020 trug Alkohol allein in unserer Region zu mehr als 93 000 krebsbedingten Todesfällen bei. Manche nennen Alkohol ein ,kulturelles Erbe‘, aber Krankheit, Tod und Behinderung sollten nicht als Teil der europäischen Kultur normalisiert werden. Mit diesem Band der Handbücher haben wir den klarsten Beweis dafür, wie wir das Ruder herumreißen können“, fügte Dr. Weiler hinzu.
Welche Neuerungen enthalten die IARC-Handbücher?
Alkoholische Getränke wurden vor einigen Jahrzehnten als krebserregend für den Menschen (Gruppe 1) eingestuft. Mit diesem neuesten Band der Handbücher haben internationale Experten nachgewiesen, dass alkoholpolitische Konzepte den Konsum reduzieren und dass eine Verringerung des Alkoholkonsums bzw. ein vollständiger Verzicht das Krebsrisiko verringert.
„Alkohol verursacht mindestens sieben Arten von Krebs“, erklärte Dr. Elisabete Weiderpass, Direktorin des IARC. „Band 20 der IARC-Handbücher ist ein historischer Meilenstein: Er wurde in zwei Teilen erstellt und belegt zweifelsfrei, dass bevölkerungsweite alkoholpolitische Konzepte den Alkoholkonsum reduzieren und dass ein reduzierter Alkoholkonsum das Krebsrisiko senkt.“
Reduzierung des Alkoholkonsums – welche Konzepte wirken?
Für Band 20B wertete eine internationale Arbeitsgruppe unabhängiger Experten Studien aus, in denen die Auswirkungen einer höheren Besteuerung, von Preiserhöhungen, Verfügbarkeitsbeschränkungen und Vermarktungsverboten sowie von koordinierten ressortübergreifenden Maßnahmen auf den Alkoholkonsum bewertet wurden.
Die Arbeitsgruppe kam zu dem Schluss, dass die folgenden alkoholpolitischen Maßnahmen zu einer Verringerung des Alkoholkonsums auf Bevölkerungsebene führen:
- Maßnahmen zur Erhöhung von Steuern oder Mindestpreisen
- Maßnahmen zur Anhebung des Mindestalters für den Erwerb oder den Konsum von Alkohol
- Maßnahmen zur Reduzierung der Dichte der Alkoholverkaufsstellen oder der Verkaufstage oder -zeiten
- strenge Verbote für die Vermarktung von Alkohol
- staatliche Monopole, die den Verkauf von Alkohol kontrollieren
- andere ressortübergreifende koordinierte Interventionen.
Vorteile der Umsetzung dieser Handlungskonzepte
Diese Erkenntnisse können Regierungen helfen, wirksame politische Konzepte umzusetzen, die:
- Leben retten – eine Reduzierung des Alkoholkonsums in der Bevölkerung verhindert Krankheiten und vorzeitige Todesfälle;
- Geld sparen – Konzepte wie die Besteuerung verringern nachweislich nicht nur den Alkoholkonsum und die damit verbundenen Schäden, sondern führen auch zu höheren Staatseinnahmen, die wieder in die Gesundheit und die Genesung investiert werden können;
- schnelle Wirkung zeigen – die Umsetzung zeigt bereits innerhalb von 5 Jahren Ergebnisse, was oft einem Wahlzyklus entspricht; und
- wissenschaftlich fundiert sind – die Expertenbewertungen des IARC beruhen auf unabhängigen und belastbaren Erkenntnissen und dienen als globaler Standard.
Ein politisches Gebot
Obwohl es immer mehr Belege für die wirksamsten Konzepte gibt, werden sie in der Region nach wie vor nicht ausreichend genutzt. Band 20 gibt den Regierungen das Rüstzeug an die Hand, um entschlossen zu handeln und so die öffentliche Gesundheit zu schützen, die Wirtschaft zu stärken und Veränderungen herbeizuführen, die für die Bevölkerung innerhalb einer einzigen politischen Amtszeit spürbar werden.
Wichtig ist, dass die Senkung des Gesamtverbrauchs nur ein Teil der Lösung ist. Millionen von Menschen in der Region leiden an einer alkoholbedingten Erkrankung, und nur ein Bruchteil von ihnen wird behandelt. Die Ausweitung des Zugangs zu wirksamer, evidenzbasierter Behandlung und Unterstützung ist von entscheidender Bedeutung. Diese Maßnahmen funktionieren am besten, wenn sie mit einer frühzeitigen Erkennung und Intervention sowie strengen Konzepten einhergehen, die die allgemeine Verfügbarkeit und Vermarktung von Alkohol beschränkt.
„Die Europäische Region der WHO darf sich nicht der Illusion hingeben, dass Alkoholkonsum harmlos ist“, betonte Dr. Weiler. „Zusammen mit einem besseren Verständnis der tatsächlichen Auswirkungen des Alkoholkonsums haben wir jetzt deutlich mehr Evidenz dafür, wie wir alkoholbedingte Krebs- und Todesfälle in unserer Region tatsächlich verringern können. Und das Ausmaß der potenziell geretteten Leben ist überwältigend – es geht in die Zehntausende.“
Hochrangige Veranstaltung zur Veröffentlichung der Handbücher
Band 20 der IARC-Handbücher wird im Rahmen einer zweitägigen, hochrangigen Veranstaltung in der UN City in Kopenhagen offiziell vorgestellt. Organisiert wird diese Veranstaltung von WHO/Europa und dem IARC im Rahmen des gemeinsamen Projekts von WHO und EU „Von Erkenntnissen zu Taten beim Alkoholkonsum“ (EVID-ACTION). Politische Entscheidungsträger, Forscher, Jugendvertreter und Vertreter der Zivilgesellschaft werden hierbei zusammenkommen, um Erkenntnisse in dringende politische Maßnahmen umzusetzen.
Die am 14. Oktober 2025 stattfindende Veranstaltung wird auch online gestreamt. Bitte melden Sie sich unter dem nachstehenden Link an.

