Am 2. Mai 2026 meldete das Vereinigte Königreich der WHO ein Cluster schwerer Atemwegserkrankungen an Bord eines unter niederländischer Flagge fahrenden Kreuzfahrtschiffs im Atlantik; zu diesem Zeitpunkt befanden sich Passagiere aus 23 Ländern an Bord. Innerhalb weniger Tage wurden Hantavirus-Fälle (Andesviren) in den Niederlanden, Südafrika und der Schweiz bestätigt. Damals befand sich das Schiff noch auf See.
Was folgte, war eine der komplexesten länderübergreifenden Maßnahmen zur Bekämpfung eines Seuchenausbruchs in den letzten Jahren – und ein direkter Test für die Internationalen Gesundheitsvorschriften (2005) (IGV), den rechtsverbindlichen globalen Rahmen, der die Länder verpflichtet, grenzüberschreitende Gefahren für die öffentliche Gesundheit zu verhindern bzw. sich auf sie vorzubereiten, sie zu erkennen, zu melden und darauf zu reagieren.
So erfolgte die Antwort.
Rund-um-die-Uhr-Überwachung und -Erkennung
Noch bevor es zu größeren für die öffentliche Gesundheit relevanten grenzüberschreitenden Ereignissen kommt, arbeitet ein Expertenteam der WHO für Gesundheitsinformationen rund um die Uhr daran, Anzeichen zu erkennen, bevor diese sich zu gesundheitsrelevanten Ereignissen von potenziell internationaler Tragweite ausweiten. Allein 2025 sichteten diese „Detektive“ 224 000 Informationen sowohl aus offiziellen Quellen wie den IGV als auch aus Medienberichten; dies führte zur Identifizierung von 116 größeren für die öffentliche Gesundheit relevanten Ereignissen, von denen 70 eine sofortige operative Reaktion und Nachverfolgung durch die WHO erforderten.
Meldung
Sobald die WHO über einen Fall informiert wird, nehmen die nationalen IGV-Anlaufstellen und die WHO einen raschen und strukturierten grenzüberschreitenden Informationsaustausch auf. Hierbei kommt es entscheidend auf Tempo an: Auf einem Schiff, auf dem die Passagiere auf engstem Raum zusammenleben und sich anschließend in verschiedene Länder verteilen, erschwert jede Stunde Verspätung die Kontaktverfolgung zusätzlich.
„Die IGV beinhalten klare Regeln und Verfahren für die Meldung von und den Umgang mit Gesundheitsrisiken, sodass jeder weiß, was in einer Krise zu tun ist“, sagte Demi Reurings, nationale IGV-Anlaufstelle für die Niederlande.
Risikobewertung und medizinische Evakuierung
Noch während das Schiff vor den Kapverden vor Anker lag, kam ein für gesundheitliche Notlagen zuständiger Mitarbeiter der WHO vom Regionalbüro für Afrika an Bord, begleitet von zwei Ärzten aus den Niederlanden und einem Experten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten. Sie führten eine rasche epidemiologische Untersuchung durch, untersuchten alle Personen an Bord und wiesen die Passagiere an, in ihren Kabinen zu bleiben, während Personen mit Symptomen sofort isoliert wurden.
Die WHO organisierte in Zusammenarbeit mit der Reederei zwei medizinische Evakuierungsflüge in die Niederlande, bei denen zwei bestätigte Fälle direkt in Spezialkliniken in den Niederlanden gebracht wurden; eine stark gefährdete Kontaktperson wurde weiter nach Deutschland transportiert. Dies ist ein praktisches Beispiel dafür, was die IGV möglich machen: den zeitkritischen grenzüberschreitenden Transport von Patienten bei gleichzeitiger Verringerung des Ansteckungsrisikos. Parallel dazu organisierte die WHO gemeinsam mit der Europäischen Union Rückführungsflüge und stellte sicher, dass ein Dienstleister für den Transport von Patienten in kritischem Zustand bereitsteht, falls bei einem Passagier oder Besatzungsmitglied Symptome auftreten und eine dringende medizinische Evakuierung erforderlich wird.
Kontaktverfolgung
Die WHO informierte insgesamt zwölf Länder, deren Staatsangehörige zuvor auf St. Helena von Bord gegangen waren, sowie die Allgemeinheit über ihr Portal Disease Outbreak News. Diese Meldung führte unmittelbar zur Feststellung eines Falls in Zürich am 6. Mai.
„Die Passagiere auf dem Kreuzfahrtschiff kamen aus aller Welt und kehrten in Länder auf der ganzen Welt zurück. Die Fähigkeit aller Regierungen, gemeinsam all diese Kontaktpersonen zurückzuverfolgen, war wirklich erstaunlich“, sagte Boris Pavlin, ein Epidemiologe der WHO.
Koordination zwischen Laboren
Laboruntersuchungen in Südafrika bestätigten eine Hantavirus-Infektion bei einem schwer erkrankten Patienten, der sich Tage zuvor auf dem Schiff aufgehalten hatte. Die WHO koordinierte daraufhin eine länderübergreifende Sequenzierung, bei der Andenvirus-Genome aus dem gesamten Cluster verglichen wurden, um festzustellen, wie der Ausbruch entstanden war und sich ausgebreitet hatte.
„Diese Analyse wandelt Labordaten aus mehreren Ländern in für das öffentliche Gesundheitswesen verwertbare Erkenntnisse um, die als Grundlage für Quarantäneprotokolle, medizinische Evakuierungen und die grenzüberschreitende Kontaktverfolgung dienen“, sagte Karen Nahapetyan, Laborspezialistin bei WHO/Europa.
Ausschiffung auf Teneriffa
Bevor das Schiff am 10. Mai auf Teneriffa einlief, stellte die WHO den spanischen Behörden detaillierte operative Leitlinien für die sichere Ausschiffung und die weitere Betreuung aller Passagiere und Besatzungsmitglieder zur Verfügung, die u. a. Maßnahmen zur Infektionsprävention und Empfehlungen für Screening-Maßnahmen und zur Risikokommunikation beinhalteten.
An der Aktion waren insgesamt 23 Länder beteiligt. Alle Passagiere sind inzwischen nach Hause zurückgekehrt und stehen gemäß den Empfehlungen der WHO unter einer 42-tägigen Beobachtung.
Das große Ganze
„Obwohl es sich um einen schwerwiegenden Vorfall handelt, stuft die WHO das Risiko für die öffentliche Gesundheit als gering ein“, erklärte WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Hier zeigt sich auch, warum es die Internationalen Gesundheitsvorschriften gibt und wie sie funktionieren.“
„Dieser Ausbruch erinnert uns daran, dass Gesundheitssicherheit nicht erst während einer Krise geschaffen wird, sondern schon vorher aufgebaut werden muss“, sagte Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa. „Die IGV haben uns den Rahmen vorgegeben. Und gemeinsames Handeln war die Antwort.“
Der Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff „MV Hondius“ ist der erste dokumentierte Ausbruch dieses Virus auf einem Schiff. Es ist unwahrscheinlich, dass dies das letzte Mal ist, dass ein Krankheitserreger die internationale Gesundheitsarchitektur auf See auf die Probe stellt. Doch die Reaktion hat gezeigt: Wenn Länder schnell Meldung erstatten, Daten offen austauschen und solidarisch handeln, funktioniert das System und können Menschenleben gerettet werden.
„Solidarität ist unser bester Schutz“, sagte Dr. Tedros. „Nur wenn wir uns gegenseitig unterstützen, können wir auch wirksam reagieren.“

