Seit Jahrzehnten tragen Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums dazu bei, die Raucherquote zu senken und Millionen Menschenleben zu retten. Doch während die Länder ihre Vorschriften verschärften, passte die Tabak- und Nikotinindustrie ihre Strategien an. „Wir stehen heute am Beginn einer neuen, von der Industrie angeheizten Suchtmittel-Revolution, und die Eindämmungsmaßnahmen halten nicht Schritt“, erklärt Prof. Dr. Ghazi Zaatari, Inhaber des Lehrstuhls für Pathologie und Labormedizin an der Medizinischen Fakultät der Amerikanischen Universität Beirut.
Anlässlich des Weltnichtrauchertags warnt der Experte für öffentliche Gesundheit, derzeit Vorsitzender der WHO-Studiengruppe für die Regulierung von Tabakerzeugnissen, davor, dass eine neue Welle von Nikotin- und nikotinähnlichen Produkten den Suchtmittelmarkt grundlegend verändern und ausweiten und ihn so für Kinder und Jugendliche noch leichter zugänglich machen würde.
Synthetisches Nikotin: günstiger und leichter erhältlich
Die Tabakindustrie hat sich von jeher auf einen zentralen Mechanismus gestützt, nämlich die Abhängigkeit der Menschen aufrechtzuerhalten. Traditionell beruhte diese Abhängigkeit auf dem Nikotin in Tabakblättern, das vor allem über herkömmliche Zigaretten und andere Tabakerzeugnisse aufgenommen wurde. In Zukunft wird die Tabakpflanze möglicherweise jedoch nicht mehr die alleinige Grundlage für Nikotinprodukte bilden.
„In den letzten fünf Jahren hat die Industrie zunehmend auf im Labor synthetisiertes Nikotin und dessen chemische Analoga zurückgegriffen. Seit einiger Zeit sind diese Substanzen ebenso kosteneffizient wie aus Tabakblättern gewonnenes Nikotin. Das bedeutet, dass die Industrie derzeit auf eine neue Produktgeneration umstellt, die möglicherweise wenig oder überhaupt kein aus Tabak gewonnenes Nikotin enthält, dabei aber weiterhin auf dieselben Rezeptoren im Gehirn abzielt, die für die Nikotinabhängigkeit verantwortlich sind“, erklärt Dr. Zaatari warnend.
Diese Entwicklung könnte zu einer massiven Zunahme neuartiger Nikotinprodukte führen, von E-Zigaretten und Nikotinbeuteln bis hin zu völlig neuen synthetischen Formulierungen, die darauf ausgelegt sind, Nikotin effizienter, diskreter und auf eine schwerer zu regulierende Weise zu verabreichen.
„Diese neuen Produkte sollen den Einstieg erleichtern, den wiederholten Gebrauch fördern und die Risikowahrnehmung verringern, insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen“, fügt Dr. Zaatari hinzu.
Eine neue Sucht für neue Generationen
Moderne Nikotinprodukte werden gekonnt auf die Erkenntnisse der Suchtforschung abgestimmt. Durch Nikotinsalze können höhere Nikotindosen sanfter inhaliert oder aufgenommen werden. Süße Aromen und ein kühlendes Gefühl mildern den herben Geschmack und erleichtern Erstkonsumenten den Einstieg. Online-Marketingtechniken setzen zunehmend auf Lebensgewohnheiten, Technologie und soziale Identität statt auf den Tabakkonsum selbst.
Zugleich stellen synthetisches Nikotin und Nikotinanaloga die Regulierungsbehörden vor neue Herausforderungen. Einige Unternehmen vermarkten ihre Produkte als „tabakfrei“, „sauberer“, „moderner“ oder „weniger schädlich“, obwohl sie im Gehirn dieselben Suchtmechanismen auslösen. Nikotinanaloga werden trotz ihres hohen Suchtpotenzials als „nikotinfrei“ vermarktet.
Kinder und Jugendliche sind für Nikotinsucht besonders anfällig. Da sich das Gehirn bis Mitte 20 weiterentwickelt, kann Exposition gegenüber Nikotin in dieser Phase, in der die hemmenden Impulse noch nicht gut ausgebildet sind, die mit Aufmerksamkeit, Lernen und Impulskontrolle verbundenen Nervenbahnen verändern. Dies erklärt, warum Jugendliche nach wie vor die wichtigste Zielgruppe des Nikotin-Marketings sind.
„Grelle Verpackungen, Fruchtaromen, Werbung durch Influencer und ein unauffälliges Produktdesign sind keine zufälligen Innovationen, sondern Mechanismen, die dazu gedacht sind, den Nikotinkonsum zu normalisieren und die Sucht bei jüngeren Generationen zu beschleunigen“, sagt Dr. Zaatari.
Die Länder benötigen dringend umfassende Gesetze
Dr. Zaatari weist darauf hin, dass die Länder es sich nicht leisten können, abzuwarten, bis sich die nächste Produktgeneration vollständig etabliert hat, und fordert sie nachdrücklich auf, ihre Gesetze zur Eindämmung des Tabakkonsums zu aktualisieren, damit sie möglichst umfassend wirken: „Ohne strengere und besser anpassbare Maßnahmen könnte die Welt bald in eine neue Phase der Nikotin-Epidemie eintreten.“
In vielen Ländern sind die bestehenden Tabakgesetze nicht für Nikotinanaloga, synthetische Verbindungen oder Hybridprodukte, die die Grenzen zwischen den Bereichen Arzneimittel, Genussmittel und Tabak verwischen, ausgelegt.
Europäische Region der WHO: Die besorgniserregenden Trends müssen umgekehrt werden
Allein in der Europäischen Region der WHO sterben jedes Jahr 1,2 Mio. Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Davon entfallen 202 000 Todesfälle auf Passivrauchen.
Unsere Region hat die weltweit höchste Rate des Tabakkonsums bei Erwachsenen und dürfte diesen Status bis 2030 beibehalten. Von den Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren rauchen rund 4 Mio. Tabak, und 4,2 Mio. benutzen E-Zigaretten. In dieser Altersgruppe verzeichnet die Region weltweit die höchste Prävalenz des Konsums von E-Zigaretten (14,3 % gegenüber 7,2 % in anderen Regionen).
Wie aus dem jüngsten Bericht der WHO zur globalen Tabakepidemie hervorgeht, verfügen nur 18 der 53 Länder in der Europäischen Region über umfassende Gesetze für rauchfreie Zonen in allen öffentlichen Räumen. Nur 12 bieten landesweite Telefon-Hotlines an und übernehmen die Kosten für die Entwöhnungsangebote. Umfassende Verbote für Tabakwerbung und Verkaufsförderung gibt es nur in 13 Ländern. Wenngleich mehr als die Hälfte der Länder in Bezug auf die Besteuerung von Tabakerzeugnissen den empfohlenen Stand erreicht hat, steigen die Zigarettenpreise noch immer nicht ausreichend genug, um die Erschwinglichkeit zu verringern. Erschreckenderweise sind Zigaretten in 19 Ländern heute bezahlbarer als noch 2014, was die Notwendigkeit stärkerer und anhaltenderer Preiserhöhungen im Wege der Besteuerung verdeutlicht.
Die Tabakepidemie lässt sich durch evidenzbasierte Interventionen im Einklang mit dem Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs und den MPOWER-Maßnahmen unter Kontrolle bringen. Die WHO empfiehlt unter anderem folgende Maßnahmen:
- strenge Regulierung aller Tabak- und Nikotinprodukte, einschließlich E-Zigaretten
- umfassende Werbeverbote
- Beschränkungen bei Aromastoffen
- höhere Besteuerung
- neutrale Verpackungen
- Maßnahmen zum Jugendschutz
- erweiterter Zugang zu wirksamer und evidenzbasierter Entwöhnungshilfe für alle.
„Darüber hinaus ist es sehr wichtig, synthetisches Nikotin und Nikotinanaloga entsprechend ihrer biologischen und suchterzeugenden Wirkung zu behandeln – und nicht einfach nur danach, ob sie aus Tabakblättern stammen“, erklärt Dr. Zaatari.
Die Herausforderung, vor der die Länder heute stehen, betrifft nicht mehr nur Zigaretten. Sie betrifft eine Industrie, die Abhängigkeit an sich immer wieder neu definiert.
Die Regierungen müssen jetzt handeln und ihre Maßnahmen verschärfen, bevor eine neue Generation einer als Innovation getarnten Nikotinabhängigkeit zum Opfer fällt. Hinter den schicken Verpackungen, den verlockenden Aromen und dem technologischen Branding steht dasselbe Geschäftsmodell – Gewinne auf der Grundlage von Abhängigkeit und den damit verbundenen Schäden.

