Ema Karmelić
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An vorderster Front, mit wenig Platz zum Atmen

3 March 2026

Wenn Ema zu Beginn ihrer Schicht die Notaufnahme betritt, weiß sie, dass sie sich in ein kontrolliertes Chaos begibt. Die Monitore piepen, Bahren säumen die Gänge, und der Warteraum ist schon voll. Wenige Monate nach Beginn ihrer Assistenzarztausbildung im Bereich Notfallmedizin ist sie immer noch dabei, in beruflicher, emotionaler und psychischer Hinsicht Fuß zu fassen.

Die in Zagreb ansässige Ema gehört zu den mehr als 100 000 Ärzten und Pflegekräften, die an der von WHO/Europa durchgeführten Untersuchung zur psychischen Gesundheit von Pflegekräften und Ärzten (MeND) teilgenommen haben, der bisher größten Erhebung über die psychische Gesundheit von Ärzten und Pflegepersonal in der Europäischen Union, Island und Norwegen. Aus deren im Oktober letzten Jahres veröffentlichten Ergebnissen geht hervor, dass psychische Probleme unter den Beschäftigten des Gesundheitswesens weit verbreitet sind und dass sie durch systembedingten Druck, unangemessene Arbeitsbedingungen und unzureichende psychologische Unterstützung bedingt sind, wie auch Emas Geschichte verdeutlicht.

Lernen unter Druck

Natürlich gibt es auch Momente der Unterstützung. Ema beschreibt die behandelnden Ärzte, die sich die Zeit nehmen, um ihre Notizen zu prüfen, Fragen zu beantworten und ihre Arbeit genau zu verfolgen. „Ihre Unterstützung inmitten des ständigen Drucks in der Notaufnahme weiß ich sehr zu schätzen“, sagt sie.

Aber die Struktur, die diese Unterstützung umgibt, ist brüchig. Das Tempo der Notfallversorgung lässt wenig Raum für geplanten Unterricht oder Reflexion. Die Rückmeldung kommt oft erst, wenn etwas schiefgegangen ist. „Meistens bekommt man eine reaktive Rückmeldung“, erklärt Ema, „bei der es darum geht, über Fehler zu sprechen, anstatt sie vorauszusehen.“

Ema sagt, dass dies für eine junge Ärztin, die noch Selbstvertrauen aufbauen muss, sehr wichtig ist. Da sie zu Beginn ihrer Tätigkeit keine strukturierte Einweisung erhielt, musste sie die grundlegende Logistik – wo die Ausrüstung aufbewahrt wird, wie man sich im Wiederbelebungsraum zurechtfindet – durch Ausprobieren kennenlernen. Als sie um Rat fragte, wurde ihr gesagt, sie solle sich in ihrer Freizeit einfach „umsehen und Dinge ausprobieren“.

Darüber hinaus kann auch die Arbeit in anderen Abteilungen isolierend wirken. Mitarbeiter, die zwischen Abteilungen wechseln, insbesondere solche aus der Notfallmedizin, werden häufig an den Rand gedrängt, und sinnvolle Lernmöglichkeiten sind oftmals denjenigen vorbehalten, die der Abteilung dauerhaft angehören. „Manchmal komme ich mir wie ungenutztes Potenzial vor, und nicht wie ein aktiver Teil des Gesundheitsteams“, sagt Ema.

Eine medizinische Fachkraft mit Gesichtsmaske und roter Weste sitzt in einem Krankenwagen.

Wenn das System den Einzelnen belastet

Diese Herausforderungen stellen sich vor dem Hintergrund eines chronischen Personalmangels, von dem die gesamte Europäische Region der WHO betroffen ist. Ausgehend von den neuesten Daten wird bis zum Jahr 2030 für die Europäische Region insgesamt ein Personalmangel in Höhe von fast einer Million Arbeitskräften im Gesundheits- und Pflegewesen prognostiziert.

In der Notaufnahme, in der Ema arbeitet, ist der Mangel an Pflegekräften besonders akut, was natürlich Auswirkungen auf die Arbeitsbelastung aller Beschäftigten der Abteilung hat.

Die MeND-Erhebung bestätigt, dass dies nicht nur auf ein Krankenhaus oder ein Land beschränkt ist. Vielmehr gehören in der gesamten Europäischen Region Unterbesetzung und übermäßige Arbeitsbelastung zu den stärksten Prädiktoren für Angstzustände, Depressionen und Burnout beim Gesundheitspersonal.

Eine weitere Dimension bilden die Sicherheitsbedenken. Lange Wartezeiten und Überfüllung schüren die Frustration von Patienten und ihren Familien, die in verbale Aggressionen ausarten kann. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass man beschimpft oder sogar bedroht wird“, sagt Ema. Aufgrund des begrenzten Sicherheitsaufgebots fühlt sich das Personal oftmals ungeschützt.

Zusätzlich wirken sich ständige Unterbrechungen, Fragen von Angehörigen und Bitten um aktuelle Informationen negativ auf die Konzentration aus. „Sie unterbrechen die Arbeitsabläufe und erhöhen das Risiko von Fehlern“, stellt Ema fest, was die Angst vieler junger Ärzte vor Fehlern noch verstärkt.

Die schleichenden Auswirkungen auf die psychische Gesundheit

Obwohl sie noch am Anfang ihrer Assistenzarztausbildung steht, spürt Ema bereits die psychische Belastung aufgrund ihrer Aufgabe. Selbstzweifel, Angst vor Fehlern und ein Verantwortungsgefühl, das schwerer wiegt als die ihr zur Verfügung stehende Unterstützung, begleiten sie oft nach Hause. Nach langen Schichten ist sie so erschöpft, dass sie kaum Zeit oder Energie zum Lernen findet, was zu einem Gefühl der Stagnation führt.

Dennoch gibt es Momente, die ihr Halt geben.

„Selbst in den schwierigsten Schichten gibt es Momente, die mir Kraft geben, wie ein einfaches Dankeschön von einem Patienten oder einem Familienmitglied, wenn ich jemandem helfen kann, indem ich seine Schmerzen lindere oder einen lebensrettenden Eingriff durchführe“, erklärt sie. „Solche Momente geben mir ein tiefes Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und erinnern mich daran, warum ich diesen Beruf gewählt habe. Sie geben mir wieder Kraft und helfen mir dabei, die arbeitsbedingte emotionale Belastung auszugleichen.“

Diese sinnstiftenden Momente spiegeln eine der wichtigsten Erkenntnisse des MeND-Berichts wider: Trotz der hohen Belastung fühlen sich die meisten Beschäftigten des Gesundheitswesens weiterhin der Versorgung ihrer Patienten stark verpflichtet. Was ihnen fehlt, ist nicht die Motivation, sondern günstigere Arbeitsbedingungen.

Zwei medizinische Fachkräfte in Schutzanzügen stehen draußen in der Nähe eines Krankenwagens.

Eine Belegschaft unter Druck

Unter Emas Kollegen sind die Warnzeichen unübersehbar. Fast wöchentlich verlassen Pflegekräfte die Notaufnahme. Ihre Nachfolger sind oft jung oder mit der Abteilung nicht vertraut, was den Druck auf die ohnehin schon überlasteten Teams noch erhöht. Geschichten von Erschöpfung, Unzufriedenheit und Desillusionierung kursieren täglich, unter Assistenzärzten und Pflegekräften ebenso wie unter Oberärzten.

„Es herrscht eine durchdringend negative Atmosphäre“, erzählt Ema, die sie manchmal dazu bringt, ihre berufliche Zukunft in diesem Bereich in Frage zu stellen.

Die MeND-Erhebung verdeutlicht, dass dies nicht nur ein Risiko für den Einzelnen, sondern auch für die Gesundheitssysteme insgesamt darstellt: Burnout und Fluktuation unter den Beschäftigten des Gesundheitswesens gefährden die Kontinuität der Versorgung, die Patientensicherheit und die Resilienz des Systems selbst.

Was einen Unterschied macht

Für Ema kommt die Unterstützung oft auf kleine, informelle Weise: wenn sie nach einer Schicht Zeit mit Kollegen verbringt, offen über schwierige Fälle spricht und ihr bewusst ist, dass auch andere mit Problemen zu kämpfen haben. „Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit macht die Last leichter“, sagt sie.

Aber am meisten wünscht sie sich etwas Strukturelleres: eine konsequente fachliche Betreuung. „Das Mentoring sollte zu Beginn der Zeit als Assistenzärztin am stärksten sein“, erklärt sie, wenn die Unsicherheit am größten ist. Mit der Zeit sollte die Selbständigkeit wachsen, aber immer unter Aufsicht und mit konstruktiver Rückmeldung.

A smiling woman with glasses standing outdoors in front of green trees.

Von der Erkenntnis zur Umsetzung

Wenn Ema Politiker um eine Veränderung bitten könnte, dann wäre es die formelle Einrichtung bzw. Stärkung von Mentoring-Systemen in allen Bereichen des Gesundheitswesens. „Mentoring sollte nicht vom Glück oder gar von der Initiative der Auszubildenden abhängen“, sagt sie. „Es sollte garantiert sein.“

Sie hofft, dass die MeND-Erhebung dazu beiträgt, dass die Realität der Nöte des Gesundheitspersonals nicht mehr ignoriert und erst recht nicht mehr als individuelles Versagen abgetan werden kann. Sie hofft, dass die Erkenntnisse aus der Dokumentation der Erfahrungen in ganz Europa zu Reformen führen werden: hin zu einer besseren Personalausstattung, sichereren Arbeitsplätzen und einem Umfeld, in dem das Gesundheitspersonal ebenso sorgfältig unterstützt wird wie die von ihm versorgten Patienten.

„Der Schutz des Wohlbefindens der Beschäftigten im Gesundheitswesen ist untrennbar mit dem Schutz der Patienten verbunden“, sagt Ema. „Diese Untersuchung kann der Beginn eines kulturellen Wandels sein – von der Normalisierung des Burnouts hin zur Anerkennung, dass er ein berufliches Risiko darstellt, das eine systematische Prävention, Früherkennung und Unterstützung erfordert, sowie zur Schaffung von Systemen, die es den Beschäftigten ermöglichen, zu bleiben, sich weiterzuentwickeln und eine sichere Versorgung zu gewährleisten."

Partnerschaften zur Bewältigung von Herausforderungen im Bereich der psychischen Gesundheit, auch im Gesundheitswesen

Der MeND-Bericht und die ihm zugrunde liegende umfassende Erhebung sind Teil einer Beitragsvereinbarung zwischen WHO/Europa und der Europäischen Kommission im Rahmen des mehrjährigen Projekts „Bewältigung der Herausforderungen im Bereich der psychischen Gesundheit in den 27 Ländern der Europäischen Union, Island und Norwegen“.

In dem Bemühen, alle wesentlichen Interessengruppen in Europa einzubeziehen, wurde die Umfrage in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit sechs Verbänden der Ärzte- und Pflegeberufe durchgeführt: dem European Forum of National Nursing and Midwifery Associations, der European Junior Doctors Association, dem Standing Committee of European Doctors, der European Federation of Nurses Associations, der European Union of Medical Specialists und der European Union of General Practitioners.

Ema ist Mitglied der European Junior Doctors Association.